Theorie

Rückenschmerzen und Sport

Bandscheibenbedingte Erkrankungen wie der Bandscheibenvorfall sowie andere Rückenbeschwerden und das rückengerechte Training.

Rückenprobleme sind eine Volkskrankheit. 80% der Deutschen leiden irgendwann in ihrem Leben unter Rückenschmerzen und bei jedem 10. Patient werden die Schmerzen chronisch (Hoffmann et al., 2005). Frauen sind insgesamt häufiger und schwerer betroffen als Männer (Göbel, 2001). Da diese Rückenbeschwerden 40% der Arbeitsausfälle und 2/3 der Berentungen ausmachen gilt der Prävention nicht nur aus der Sicht des Einzelnen ein besonderes Interesse.

Unter den Erkrankungen nehmen die Beschwerden auf degenerativer Basis eine überragende Rolle ein. Die Bandscheiben sind nicht vaskularisiert und ihre Ernährung erfolgt nur durch Diffusion. Bei Belastung überwiegt jedoch der Flüssigkeitsabstrom (2cm Körpergrößenverlust über den Tag). Aufgrund der langen Transitstrecke ist die Trophik der Bandscheibe insgesamt kritisch und eine Degeneration daher physiologisch. Ab dem 50. Lebensjahr sind degenerative Veränderungen bei praktisch jedem Menschen nachweisbar (Wülker et al., 2005). Jedoch zeigen einige Personen trotz stärkster Degeneration keine Schmerzsymptomatik, während andere ohne nachweisbare Degneration unter massiven Schmerzen leiden. Eine Untersuchung von Leistungssporltern ergab, dass besonders Kugelstoßer, Diskuswerfer und Hochspringer zwar die größten degenerativen Veränderungen der LWS unter ehemaligen Hochleistungssportlern aufwiesen, im vergleich mit untrainierten Personen jedoch weniger Rückenbeschhwerden hatten (Schmitt et al., 2004). Dies beweist, dass nicht jede Deformierung zu Beschwerden führt und nicht jeder Schmerz auf eine Strukturelle Veränderung zurückzuführen ist.

Ein entscheidenen Einfluss auf das Auftreten von Schmerzen hat die Entwicklungsdauer der Deformierung (Krämer et al., 2006). Wird ein Nerv akut eingeklemmt (z.B. durch einen Bandscheibenvorfall), dann kommt es zu heftigsten Schmerzen. Sich langsam entwickelnde Fehlbildungen (z.B. Skoliosen) geben dem Nerv dagegen genügend Zeit zur Anpassung (Krämer et al., 2006) und verursachen zunächst keine Schmerzsymptomatik. Hier spielen eher die sekundären Folgen durch die Fehlstatik und die damit verbundenen Muskelschmerzen die Grundlage für die Schmerzen. Wodurch die Schmerzen auf zellphysiologischer Basis entstehen ist noch nicht genau geklärt.

Eine Erklärungsversuch ist die sog. Energiekrisen-Hypothese, die davon ausgeht, dass ein ATP-Mangel (ATP ist der "Weichmacher" der Muskulatur) zu Kontraktionsrückständen in der Muskulatur führt. Diese Resultieren in einer Tonuserhöhung der Muskulatur und der Fascien, wodurch Nerven beim Durchtritt durch die Fascienlücken eingeklemmt werden. Hinzu kommt eine lokale Ischämie der Verspannten Muskulatur mit Laktatbildung und eine entzündliche Schwellung der Sehnenansätze durch permanenten Zug (Hoffmann et al., 2005).

Für den Sportler ist wichtig zu wissen, dass 75% der Schmerzsyndrome an der Wirbelsäule sich innerhalb einer Woche spontan zurückbilden. Sollte der Schmerz jedoch länger als eine Woche anhalten, so ist die radiologische Überprüfung der WS indiziert (Niethard und Pfeil, 1997). Wird der Rückenschmerz von anderen Symptomen Begleitet, wie z.B. von Sensibilitätsstörungen oder Einschränkung der Motorik so sollte der Arzt früher aufgesucht werden. Bei gleichzeitig auftretender Blasen-/ Mastdarminkontinenz handelt es sich um eine Notfallsituation die einer sofortigen chirurgischen Korrektur bedarf, da die Prognose bei diesem sog. Caudasyndrom im wesentlichen vom Zeitpunkt des Eingriffes abhängt (Krämer et al., 2006). Wenn Rückenschmerzen innerhalb von 7-12 Wochen nicht abklingen, besteht große Gefahr, dass diese sich dauerhaft einstellen (Göbel, 2001). Die Gefahr der Chronifizierung verdoppelt sich ab dem 40. Lebensjahr (Volinn et al., 1991).



Bewegung ist für den Rücken essentiell, denn nur wer sich ausreichend bewegt wird effektiv Rückenschmerzen vorbeugen können. Die Bewegung spielt dabei sowohl für die Ernährung der Bandscheiben (s.o.), als auch für die Stärkung der Muskulatur eine wichtige Rolle. Jedoch existieren große Unterschiede in der "Rückenfreundlichkeit" der verschiedenen Sportarten. Leider gibt es derzeit noch keine kontrollierte Studie zu diesem Thema, sodass man auf den Erfahrungswerte von Fachleuten angewiesen ist:
Bei einer Expertenbefragung zum Nutzen oder Schaden sportlicher Betätigung in Bezug auf die Wirbelsäule wurden Skilanglauf, Rückenschwimmen gefolgt von dem Ausdauerlauf als besonders bandscheibenfreundlich eingestuft (Warnecke in Krämer et al., 2005). Aber auch Tanzen Aerobic und Reiten gehören laut der Fachleute zu den unbedenklichen Sportarten. Besonders negativ hat das Gewichtheben abgeschnitten, was das Schlusslicht der angegebenen Sportarten darstellt. Damit ist sicherlich nicht das geundheitsorientierte Fitnesstraining im Sportstudio gemeint, sondern das wettkampforientierte Gewichtheben. Die Ballsportarten Squash, Tennis, Golfen und Hockey schnitten mit Ausnahme vom Badminton, ebenfalls nicht gut ab. Grund hierfür wird vermutlich die starke Reklinations- (bes. beim Aufschlag) und Rotationsbelastung der Wirbelsäule sein. Relativ neutral wurden die Sportarten Radsport, Badminton und Volleyball bewertet.

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